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Löchriges Liefernetz – Versorgung in Corona-Zeiten // ZDFzoom

ZDF
30 Minuten
Autor: Sylvie Kürsten, Juliane Kussmann, Kristin Siebert
Online: auf zdf.de

Nationale Grenzen schienen innerhalb der EU längst überwunden. Doch viele Mitgliedsländer haben auf die Pandemie mit nationalen Sonderlösungen reagiert, welche das eng gesponnene Lieferantennetz von Handel und Industrie vor allem im europäischen Binnenmarkt hart treffen.

Werden die Regale leer bleiben, wenn Handelswege durch Grenzkontrollen blockiert werden und Arbeiter nur unter strengen Auflagen einreisen dürfen? Diese Arbeiter fehlen jetzt auf den LKW und auf den Feldern. ZDFzoom begleitet zwei LKW-Fahrer quer durch Europa, um Antworten zu suchen.

Mit Paule sind wir unterwegs nach Spanien, mitten ins Herz der europäischen Pandemie. Dort steht das Militär auf der Straße und kassiert 600€ Strafe, wenn man gegen die Auflagen der Ausgangssperre seine Wohnung verlässt. Aus diesem Land kommt auch das Gemüse, wonach die deutschen Supermärkte in den letzten Wochen immer mehr verlangen. Doch wird es immer schwerer, es zu ernten. Auf den Feldern von Javier Soto sind die Sicherheitsauflagen hoch. Viel zu viele Arbeiter fehlen – entweder haben sie Angst, müssen ihre Kinder betreuen oder finden schlicht kein Bus mehr, der sie zur Arbeit fährt.

Auch Hermann Höglinger ist auf deutschen und österreichischen Straßen zu Hause, seit 25 Jahren fährt er für das Logistikunternehmen Gebrüder Weiss. Hermann transportiert Stückgut, das bisher von der Corona-Krise verschont zu sein scheint. Aber auch sein Alltag als LKW-Fahrer ändert sich schlagartig. Zahlreiche Unternehmen schließen, nehmen ihre bestellte Ware nicht mehr an. Dazu kommt die Sorge, sich und die Familie durch den Virus in Gefahr zu bringen. Und das, wo doch sein Job eigentlich die Sicherstellung der Versorgung ist.

Auch Paule muss sich fragen, ob er seine Tour nach Spanien überhaupt schafft. Wird er durchkommen? Oder kappen wir mit den Maßnahmen gegen den Virus gerade lebenswichtige Lieferketten, die unsere Wirtschaft bis ins Mark treffen werden?

Daheim in Bremen bei Terratrans sitzt Paules Chef, der Fuhrparkleiter Thomas Wätje. Normalerweise disponiert er hunderte LKW europaweit, doch jetzt macht er sich zum ersten Mal seit 30 Jahren ernsthaft Sorgen: „Europa wird komplett zum Erliegen kommen“, befürchtet er. In den letzten Wochen beobachtet er, wie immer mehr Betriebe und Geschäfte schließen müssen.

„Es wird jetzt zu tektonischen Veränderungen in der Weltwirtschaft kommen“, prophezeit auch die Handelsexpertin Dalia Marin. Corona zwingt die deutschen Unternehmen umzudenken: Es wird eine Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland bei gleichzeitiger Automatisierung geben. „Das ist ein Moment, der alles verändert, der zeigt, dass wir viele Systeme auf Kante genäht haben“, sagt auch Julia Köhn, Gründerin von pielers.de. Ihre neue Onlineplattform, die nachhaltig produzierende Kleinunternehmen direkt mit den Kunden vernetzt, boomt gerade und setzt den monopolisierten Lebensmittelmarkt unter Druck.

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