Schulen im Corona-Stress // ZDF WISO

ZDF
43Minuten
Autor*innen: Babette Hnup, Denise Jacobs, Philipp Katzer
Online: auf zdf.de

Deutschland, Januar 2021: auch nach den Weihnachtsferien bleiben die Schulen im ganzen Land geschlossen. Unterricht auf Distanz wird zum Regelbetrieb, die Pandemie zum Stresstest für Familien, Lehrer, Schulleitungen. Die Corona-Krise macht viele Probleme sichtbarer, mit denen die Institution Schule in Deutschland schon vorher zu kämpfen hatte: schleppende Digitalisierung, zu wenige und schlecht ausgebildete Lehrer, veraltete Lehrpläne und Formen. Und sie verschärft bereits bestehende Ungerechtigkeiten: benachteiligte Schüler werden durch den Fernunterricht weiter abgehängt. Für die ZDF-Dokumentation haben die AutorInnen Babette Hnup, Denise Jacobs und Philipp Katzer die dynamische Entwicklung an Deutschlands Schulen bis zur stufenweise Öffnung Ende Februar begleitet. Sie fragen: Was muss sich an deutschen Schulen ändern? Und könnte die Corona-Krise sogar eine Chance sein?

Im Zentrum des Films steht die Heinrich-Schütz Gesamtschule in Kassel. Sie ist eine von rund 32.000 Schulen in Deutschland im Pandemie-Modus: eigentlich geschlossen, soll sie mit eingeschränktem Betrieb weiter funktionieren. Notbetreuung für wenige Schülerinnen und Schüler, Distanzunterricht für den Rest. Der Film zeigt die Herausforderungen von Schülern, Eltern, Lehrern und der Schulleitung im Verlauf der unruhigen Wochen zwischen Mitte Januar bis Ende Februar 2021.

Mitte Januar. Seit Wochen ist die Schule zu. Statt im Klassenzimmer der Heinrich-Schütz-Schule, unterrichtet Lars Nähler seine Schülerinnen jetzt von Zuhause. Im digitalen Englischunterricht mit seiner fünften Klasse gibt es technische Probleme. Im Vergleich zum ersten Lockdown hat sich zwar manches verbessert. Auf die Herausforderungen des digitalen Lernens sind Schulen und Lehrer in Deutschland aber grundsätzlich schlecht vorbereitet. „Wir haben in Deutschland im Grunde genommen ein Modell von Unterricht, was sich seit dem Zweiten Weltkrieg überhaupt nicht verändert hat.Da spielen seit 50, 60, 70 Jahren digitale Medien eigentlich keine Rolle“, sagt Schulforscher Prof. Olaf Köller vom Leibnitz-Institut in Kiel.

Lehrer Lars Nähler hat sich das technische Know-How selbst angeeignet. Doch bundesweit gibt es eine große Unzufriedenheit über die Unterschiede der digitalen Lehrkompetenzen. Derzeit hängt die Bildung noch mehr als sonst am einzelnen Lehrer. „Das wird nicht gut gehen, weil das Defizit kontinuierlich größer wird. Und da wird sich der ein oder andere die Augen wischen, wie viele Kinder jetzt überhaupt nichts lernen“, sagt Nähler.

Viele Lehrer sind nicht auf digitalen Unterricht vorbereitet. Bremen, der ewige Pisa-Verlierer, will Lehrpersonal besser ausbilden, auch um künftig vorteilhafter abzuschneiden.Das kleinste Bundesland hat schon vor sechs Jahren die einheitliche Digitalplattform itslearningeingeführt. In der Pandemie wurde zusätzliche die ganze Schülerschaft im Land mit iPads ausgestattet. Und alle Lehrer sollen nun im Schnelldurchlauf digitales Unterrichten lernen. Der Film begleitet den Lehrer und Trainer Thomas Kieckbusch bei einer Fortbildung für 60 Lehrer an der Neuen Oberschule in Bremen-Gröpelingen. Kieckbusch sagt: „Die Bedeutung der Fortbildung ist schon enorm, weil was nützt es den Lehrkräften, diese Geräte in der Hand zu haben, wenn sie gar nicht wissen, was sie damit machen sollen?“

In der fünften Klasse von Lehrer Nähler an der Schule in Kassel sind auch Emma und Alim. Während bei Emma der Vater zu Hause bleibt und seine Tochter beim Homeschooling unterstützt, sind die Lernbedingungen bei Alim schwierig. Die Technik ist zwar da, aber die enge Betreuung fehlt: „Ich kann Zuhause irgendwie nicht so gut lernen“, sagt Alim. Benachteiligte Schüler werden im Distanzunterricht weiter abgehängt. „Es gab schon vorher eine Chancenungleichheit. Und wie unter einem Brennglas werden wir feststellen können, dass sich dieses Problem in der Corona-Zeit vervielfacht“, sagt Lehrer Lars Nähler.

Die soziale Herkunft bestimmt in Deutschland in stärkerem Maß über den Bildungserfolg als in vielen anderen Ländern. Die Grundschule Bauhausplatz in München will Bildung gerechter machen – durch innovative Ansätze für digitales Lernen und ein neues Raumkonzept. Die Wissenschaftlerin Prof. Uta Hauck-Thum erforscht an der 2017 eröffneten Grundschule neue Möglichkeiten des digitalen Lernens. Sie will am liebsten die ganze deutsche Bildungslandschaft revolutionieren: „Aus meiner Sicht erziehen wir Kinder in den ersten vier Jahren zu stark zu Sachbearbeitern“, sagt sie. Die Grundschule in München sieht optisch anders aus und arbeitet mit einem komplett veränderten Unterrichtsmodell: die Schule als Lernhaus und Lebensraum. Die geänderte pädagogische Architektur gibt Schülern und Schülerinnen mehr Platz für Zusammenarbeit. Das Konzept mischt Jahrgänge anstelle von starren Klassenverbänden.

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