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Mit dem Zug durch den Norden Polens // NDR Länder Menschen Abenteuer

NDR
43Minuten
Autor: Kristin Siebert
Online: auf ndr.de

„Rybak“, der Fischerszug – so nennen die Polen liebevoll ihren Bummelzug. Er nimmt uns mit auf Entdeckungsreise quer durch den Norden Polens – von Stettin im Westen immer ostwärts, in 12 Stunden nach Bialystok. Der Zug durchquert Hinterpommern, das verträumte Kaschubenland, streift die weite, wilde Ostseeküste mit ihrer berühmten Dreistadt am Meer: den Seebädern Gdynia – Sopot – Danzig. Danach geht es weiter durch die magischen Masuren mit ihren über 3000 tiefblauen Seen. Wir tauchen ein in die majestätischen Wälder Westpreußens. Luchse, Elche, Wölfe und die letzten wilden europäischen Bisons streifen durch hier durch die Wildnis. Dreihundertjährige Eichen spenden wie Kathedralen Schatten. Wir treffen eine Familie, die auf geheimen Plantagen im Wald aromatische, wertvolle Halme züchten, die später im Wodka laden: Das Büffelgras.

Und wir begegnen einer heilenden Flüsterin. Die 91-jährige Anna Bondaruk ist hier zu Haus. Die Szeptuchas „Flüsterhexen“, haben in Regionen wie dem orthodox geprägten Podlachien regen Zulauf.

Ein Stück weiter entlang der Bahnstrecke, tief im Osten, in der Nähe der Endstation Bialystok hat das Idyll überdauert. Eine Zeitkapsel aus der Zarenzeit verbirgt sich mitten in einem der letzten ursprünglichen Wälder Europas, im Białowieża-Nationalpark – früher das Lieblings-Jagdrevier des letzten russischen Zaren Nikolaus II. Michał Drynkowski macht die Zeitreise möglich. Der Schreiner setze alles auf eine Karte und investierte in das historische Zaren-Bahnhofsgebäude, in alte Schlaf – und Salonwagen, um sie in ein Gourmetrestaurant am Ende der Welt zu verwandeln. Dabei macht er eine unverhoffte Entdeckung: Aus Versehen kaufte er aus DDR-Beständen den von Ferdinand Porsche designten Wagon von Adolf Hitler.

Im Zug treffen wir auf Roswitha Poschmann. In den 40iger Jahren wurde sie in Leba geboren und musste wie viele andere Deutsche nach dem zweiten Weltkrieg flüchten. Auf der berühmten 40 Meter hohen Lotzke-Düne belieferte ihr Papa, als „fliegender Bäcker“ bekannt, eine Segelflugschule mit frische Brötchen. Heute hat die polnische Familie Wieckowska die alte deutsche Bäckerei übernommen und Roswitha zum ersten Mal zu einer Erinnerungsreise in Papas Backstube eingeladen.

Im Takt des Zuges entblättern wir die gesamte Spannweite der Region: Wir treffen den kaschubischen Bootsbauer Jazek Struck – einer von zwei Bootsbauern weltweit, die noch wissen, wie man die traditionellen Pommernboote baut. Mit Piotr Sobacynski fangen wir baltisches Gold (Bernstein) an einem der Hot Spots auf der frischen Nehrung und entdecken einen in Bernstein eingeschlossenen Vogel. Ein geheimnisvoller Zeuge aus Zeiten, lange bevor die Menschen die Erde betraten. Mit einem zugereisten Polen begeben wir uns auf Spurensuche: Eine einsame Halbinsel in den Masuren beherbergt Wildpferde. Der aus Mali stammende Mamadou Bah lebt seit 30 Jahren in Polen und hat hier seine Heimat gefunden. Er ist Direktor der zoologischen Zucht- und Forschungsstation Popielno. Die letzten europäischen Wildpferde werden hier rückgezüchtet und ausgewildert.

Wir lernen auch Dagebliebene kennen. Ostpreußen, wie Paul Gollan, die als deutsche Minderheit die Zeit des Kommunismus unbehelligt im Ermland überdauerten. Auch mit seinen 85 Jahren schwingt sich Paul beherzt auf seinen Mähdrescher. Der Hof mit seinen Rindern, Milchkühen und Schafen muss ja schließlich bewirtschafte werden.

Eine abendfüllende, manchmal überraschende Begegnung mit unermüdlichen Menschen, malerischen Landschaften und einem Land, das zugleich voller Vergangenheit und Aufbruch ist.

 

 

 

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