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Vom Schnee bis zu den Palmen. Mit dem Zug durch Graubünden. // NDR Länder Menschen Abenteuer

NDR 2016
43 Minuten
Autor: Torben Schmidt
Online: auf ndr.de

Vom Schnee bis zu den Palmen. Mit dem Zug durch Graubünden.

Eine Bahn wie die Schweiz. Rot und Weiß, pünktlich wie ein Uhrwerk, garniert mit einer spektakulären Landschaft und sehr eigenen Menschen. Die Rhätische Bahn verbindet auf ihrem Weg durch Graubünden Alpenpässe, Schluchten, Orte und Ingenieursleistungen, Schnee und Palmen – vor allem aber: Menschen und ihre Geschichten. Bis zum Ziel jenseits der schroffen Gipfel: Italien.

Vom Bündner Chur durch die Bergwelt des mondänen St. Moritz, vorbei an unwirklich pittoresken Bahnstationen mit ihren „Buffets“ (Restaurants) und zuletzt über das Berninamassiv bis in die milden Täler Italiens. Morteratschgletscher, Lago Bianco oder Valposchiavo – Die Bahnstrecke dieser Alpenüberquerung windet und schmiegt sich in die Gebirgswelt von Albula- und Berninamassiv. In Schlangenlinien und ohne Zahnrad führt sie durch 55 Tunnel und über 196 Brücken bis ins italienische Tirano. Eine Strecke, so berühmt und schön, dass die UNESCO sie zum Weltkulturerbe erklärt hat.

Im Zug und entlang der Strecke begegnet man Menschen, die so vielfältig und eigen sind, wie die Landschaften Graubündens. Menschen wie Arnold Weber. Arnold ist Steward. Sein Arbeitsplatz ist der Zug. Er weiß, was Passagiere wollen, wenn sie am frühen Morgen staunend aus dem Fenster in die unwirklich schöne Bergwelt schauen: Einen Kaffee und ‚Kipfeli’ zum Beispiel. Arnolds rollende Minibar hält für fast jeden Fahrgast das Richtige parat. Alle anderen gewinnt er mit seiner guten Laune. Die ist ebenso unbeirrbar wie ansteckend.

Andere sind da deutlich wortkarger. Walter Wohlschlager zum Beispiel. Walter hat einen großen Teil seines Lebens unter der Erde verbracht. Er ist Vorarbeiter bei einem unterirdischen Großprojekt, dem Neubau des Albulatunnels. Die Herausforderungen sind gewaltig. Mitten im laufenden Betrieb der Albulabahn wird nebenan eine neue Tunnelröhre gesprengt und ausgebaut; das alles im hochalpinen Gelände.

Von all dem bekommt Semira Bontognali kaum etwas mit. Sie wohnt in einem Haus am Hang. So einsam, dass es im Winter oft nur mit dem Schlitten oder Schneeschuhen erreichbar ist. Im Tal unter ihr liegt der traditionsreiche Edel-Skiort St.Moritz. Semira ist dort aufgewachsen und wurde eine Spitzentriathletin. Sie hätte Profisportler werden können – wollte sie aber nicht. Dann hätte sie ihr geliebtes Engadiner Tal ja verlassen müssen. Und das kann sie sich nicht vorstellen. Sie will hier wohnen bleiben und ihre Kinder hier aufwachsen sehen – in der Bergwelt rund um St.Moritz. Warum sollte sie auch umziehen? Traumhaft schön gelegene Bergseen und berühmte Straßen wie der Maloja-Pass bieten ihr auch hier fantastische Trainingsmöglichkeiten.

Ein Stückchen weiter kommt der Zug genau am Hof von Werner Wohlend vorbei, den jeder aber nur „Wohli“ nennt – sogar seine Frau.

Wohli ist der Pferdeflüsterer. Auf seinem Hof lebt eine wild gemischte Pferdeherde von 50 Tieren friedlich miteinander. Mit seinen zwei erfahrensten Pferden beherrscht Wohli eine jahrhundertealte Tradition: Das Holzrücken. Nur mit Pferdekraft werden in den steilen Berghängen gefällte Bäume bis zur nächsten Straße gezogen. Jede Maschine würde hier zerstörerische Erosionen hervorrufen. Wohli und seine Pferde erhalten die Natur und ermöglichen Forstwirtschaft an schwer zugänglichen Hängen – so wie es hier seit Jahrhunderten gemacht wird.

Wenn der höchste Punkt des Schweizer Streckennetzes, der Bernina-Pass überwunden ist, geht es langsam wieder bergab, Richtung Italien. Nicht ohne einen Stopp bei Primo Semadeni allerdings. Seine „Buffet“, das Streckenrestaurant an der Alp Grüm, ist nur zu Fuß oder mit dem Zug zu erreichen. Eine logistische Herausforderung, weil jedes Stück Gemüse, Fleisch oder Brot mit der Bahn hinaufgebracht werden muss – gute Planung ist da Voraussetzung. Erst recht, wenn das Wetter plötzlich besser wird und alle die Sonnenterrasse stürmen.

Stefan Lüthi kommt hier fast täglich vorbei. Denn Lüthi ist Lokführer. Er liebt den einsamen Job vorne im Fahrstand. Und die Fahrt aus dem Hochgebirge hinab ins sonnige Italien wird ihm nie langweilig.

Kurz vor der Ankunft passiert die Bahn die Kastanienhaine des Valposchiavo, des letzten Zipfels Schweiz vor der italienischen Grenze. Nicolo Paganini und seine Freunde sammeln hier eine Kastaniensorte die nur in diesem Tal wächst – um sie zu rösten. So wie es schon seit Jahrhunderten gemacht wird. Für sie ist es aber mehr als eine Traditionspflege. Für sie ist es einfach das beste Leben, das sie sich vorstellen können – hier am Ende der vielleicht schönsten Bahnstrecke der Welt.

Eine NDR-Dokumentation der „Länder Menschen Abenteuer“-Redaktion

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