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Die Crash-Detektive. Wie Unfallforscher Leben retten // NDR Reportage

NDR 2011
30 Minuten
Autoren: Daniel Bröckerhoff, Wolfgang Klauser, Michael Cordero

 

Jeden Tag sterben in Deutschland zwölf Menschen bei Autounfällen, über eintausend Personen werden zum Teil schwer verletzt. Sobald es in Hannover und der Region ein Verkehrsunglück gibt, rücken die Unfallforscher aus.

Jeden Tag sterben in Deutschland zwölf Menschen bei Autounfällen, über Tausend werden zum Teil schwer verletzt. Sobald es in Hannover und der Region kracht, rücken die Unfallforscher aus. Das Team der Medizinischen Hochschule Hannover rekonstruiert mit Technik und Spürsinn den Unfallhergang und leitet aus den Computeranalysen Empfehlungen für Industrie und Politik ab. Die Erkenntnisse dienen nicht der Polizei oder Staatsanwaltschaft oder den Versicherungen. Die Arbeit ist streng wissenschaftlich, alle Daten werden nachträglich anonymisiert. Die Unfallforscher sollen Industrie und Politik weltweit helfen, die Sicherheit im Verkehr zu verbessern. Mit ihren Vorschlägen haben die Wissenschaftler so schon viele Menschenleben gerettet.

Freitag, 13 Uhr. Vollsperrung auf der Autobahn A7 bei Hannover, Anschlussstelle Großburgwedel. Ein PKW ist von der Fahrbahn abgekommen und in die Leitplanke gerast. Der Notarzt versorgt die Fahrerin, die Polizei sichert die Unfallstelle. Währenddessen geht der Unfallforscher Markus Kühn auf Spurensuche und macht von allen Seiten Fotos vom schwer beschädigten Fahrzeug und vom Innenraum: der zerplatzte Airbag, eine Haarspraydose und einen Schlüsselanhänger mit Smiley-Gesicht. Dann versucht er an dem Gurtstraffer zu rütteln und wundert sich. „Der ist ganz straff. Die Frau war also gar nicht angeschnallt. Das sieht hier alles ein wenig schräg aus“, sagt Kühn. „Irgendwie ist dieser Unfall komisch.“ Sein Kollege Fabian Stille markiert an Hand der Reifenspuren den Weg des Autos bis zum Einschlag in die Leitplanken: „Das Fahrzeug ist von der ganz rechten Spur einmal quer über die ganze Autobahn seitlich in die Leitplanken gedriftet“, grübelt Stille. „Und das ohne Einwirkung anderer Verkehrsteilnehmer.“ Die beiden Unfallforscher puzzeln sofort im Kopf die Bilder der Unfallstelle zusammen. Sie denken in Codevariablen, Bremsspuren, Gurtstraffern und nicht in Blut, Tränen, Leid. Das schützt sie.

Nicht nur die technischen Details interessieren das Team der Ufos. Erst die Befragung aller Unfallbeteiligten macht das Bild komplett. Besonders in Fällen wie diesen, wenn die ganze Sache den Forschern „irgendwie komisch“ vorkommt. Die verletzte Autofahrerin wurde in die Notaufnahme der MHH eingeliefert. Zwanzig Minuten später sind auch die Ufos in der Klinik. Doch die Patientenbefragung kann nicht durchgeführt werden: „Unsere erste Vermutung scheint sich bestätigt zu haben“, sagt Miriam Tillmann. „Die Frau ist wohl wirklich in suizidaler Absicht in die Leitplanke gefahren. Sie befindet sich gerade in der Psychiatrie in Untersuchung und es ist glaub ich auch ganz gut so, dass wir sie jetzt in Ruhe lassen.“ – Ihr Kollege Markus Kühn nickt und sperrt das Einsatzfahrzeug auf. „Ja, die Frau hat jetzt ganz andere Sorgen als mit uns ein Interview zu machen.“ – Beide halten einen Moment inne, doch dann geht schon der Alarmpiepser wieder los. Über Funk kommt die Meldung: „Unfall mit Kind und Linienbus!“

Zwischen Blech und Verletzten suchen sie Erkenntnisse, die Crashtest-Dummys in den Labors der Automobilbranche nicht liefern können. Etwa 2000 Unfälle jährlich dokumentieren sie in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen der TU Dresden. „Es ist das größte Projekt zur Unfalldatenerhebung in Deutschland“, sagt Projektleiter Prof. Dietmar Otte. Am Computermonitor klickt er sich durch zahllose Bilder mit zerbeulten Autos, blutigen Airbags und manchmal auch mit Toten – wie andere Menschen mal eben ihre Urlaubsbilder zeigen. „Bei mehr als 20 Prozent aller Unfälle spielt überhöhte, Geschwindigkeit eine Rolle“, weiß Otte. Die Verletzungen sind oft schwerer als erwartet, haben die Mediziner herausgefunden. Bei einem seitlichen Aufprall mit hoher Geschwindigkeit sind vor allem Beine, Unterschenkel und Füße stark gefährdet. „Hier könnten die Sicherheitsausstattungen bei vielen Autos verbessert werden“, so der Unfallforscher. „Unsere Psychologen kommen zu dem Ergebnis, dass über 90 Prozent aller Verkehrsunfälle durch menschliche Fehler verursacht werden.“ Der Mensch ist also das größte Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr.