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Autoland abgebrannt. Wie die Branche die Zukunft verspielt // ARD Die Story im Ersten

ARD 2016
44 Minuten
Autor: Torben Schmidt
Online: auf ardmediathek.de

Autoland abgebrannt

Deutschland ist ein Autoland. Hier wurde das Auto erfunden, hier darf man bis heute – theoretisch – auf der Autobahn so schnell fahren, wie es die Zylinder hergeben. Die deutsche Wirtschaft ist entsprechend abhängig vom Automarkt. Jeder 7. bis 20. Arbeitsplatz, die Zahlen schwanken erheblich, hängt in der Bundesrepublik am klassischen Benzin- oder Dieselverbrennungsmotor – und damit an einer Technologie, die schon mittelfristig keine Zukunft mehr hat.

Aber warum etwas ändern, wenn es doch so toll läuft. So dachte man in Deutschland bis zum September 2015. Dann kam „Dieselgate“. Seitdem bricht das Vertrauen in eine ganze Branche weg. Abgas-Tricksereien, Ermittlungsverfahren, immer neue Skandale. Die stolze deutsche Autoindustrie steht versammelt am Pranger. Wie konnte das passieren? Und: Sind wir in Deutschland eigentlich vorbereitet auf die automobile Zukunft? Oder klammert sich eine ganze Industrie an die glorreiche Vergangenheit – und verliert das, was kommt, aus den Augen?

Ignoranz in Deutschland?

Anderswo auf der Welt ist man sich einig: Die Automobilbranche steht vor den größten Umwälzungen ihrer Geschichte – und diese Veränderungen gehen schneller, als sich viele von uns vorstellen können. Die Welt der Mobilität wird sich nachhaltig verändern. „In wenigen Jahren wird das E-Mobil Mainstream sein“, sagt Zukunftsforscher Tony Seba, der an der Universität Stanford lehrt. „Nicht aus ökologischen Gründen, sondern weil es dann schlicht billiger ist als ein Diesel oder Benziner.“ Nur in Deutschland scheint man sich trotzdem lieber darauf zu konzentrieren, dass alles möglichst lange bleibt, wie es ist. Dieser Film zeigt, wie eine Mischung aus Ignoranz und Arroganz bei Wirtschaftsbossen und Politikern dazu geführt hat, dass die Schlüsselindustrie „Automobilbau“ das deutsche Sorgenkind der nächsten Jahrzehnte werden könnte.

Kommen unsere Autos bald aus Kalifornien oder China, weil sich Deutschland im Diesel verirrt hat? Weil sie seit Jahrzehnten den TDI optimieren, statt mit all ihrer Ingenieurskunst Brennstoffzelle, Elektroantrieb und Hybridantrieb voranzubringen? Wer verstehen will, was schief läuft im Autoland Deutschland, muss nach Brüssel schauen. Kaum eine Industrie Europas verwendet so viel Energie und Geld darauf, ihre Interessen bei EU-Parlament und Kommission unterzubringen, wie die Deutsche Automobil-Industrie.

„Den Dialog mit den Regulierern suchen“, nennt VDA-Präsident Matthias Wissmann das. Es ginge darum, „die Gestaltung der zukünftigen Regulierung durch Sachinformationen zu unterlegen.“ Vor seiner Zeit als Präsident des Verbandes der Automobilindustrie war Wissmann Bundesverkehrsminister – und genau das ist eines der Probleme.

Eckart von Klaeden, Thomas Steg, Dieter Althaus, die Liste der Seitenwechsler ist lang. Und sie scheinen ihren alten Parteifreunden die Richtung einflüstern zu können. Von modernen Technologien ist da selten die Rede, aber immer wieder von Arbeitsplätzen. „Sehr geehrte Bundeskanzlerin, liebe Angela“, so beginnt der Bundesverkehrsminister a.D. Wissmann seine Briefe an die Macht. Die immerwährende Botschaft ist „Systemrelevanz“. Geht es der Autobranche gut, geht es dem Land gut.

Die Konkurrenz auf der Überholspur

Noch. Denn die Konkurrenz ist längst auf dem Weg in eine neue Zeit. In den Entwicklungslaboren im Silicon Valley wird schon lange am Auto der Zukunft gebaut. Vernetzt, autonom, elektrisch. Google und Apple arbeiten am großen Einstieg in den Automobilmarkt. Mit Fahrzeugen, die gut aussehen, Status über Preis und Marke bieten und innovative Antriebe haben. Die digitale Ausstattung wird weit über dem liegen, was klassische Autobauer zukaufen könnten.

China, wichtigster Wachstumsmarkt für deutsche Autobauer, hat sich längst selbst auf den Weg gemacht. Smog und Stau lassen dem Land gar keine andere Wahl. Erste Städte planen Null-Emmissions-Zonen und nirgendwo auf der Welt gibt es mehr Elektromobilität als im Land, wo die Sonne vor Feinstaub manchmal nicht mehr aufgeht.

„Erfolg ist manchmal der größte Gegner von Veränderung“, sagt ein deutscher Automanager. Wenn die deutsche Autoindustrie aber nicht nur eine glorreiche Vergangenheit sondern auch eine vielversprechende Zukunft haben soll, dann wird es höchste Zeit, neue Wege zu beschreiten. Der Rest der Welt ist schon unterwegs.